16.04.2013: Artikel in der NWZ
13.04.2013: Vergrippter Großherzog sticht in See
Das Jahr 1913 war in Oldenburg frei von Kriegssorgen Vortrag vor dem Landesverein
Udo Elerd sichtete die Oldenburger Zeitung im Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er fand eine Residenzstadt frei von Kriegsfurcht.
Von Klaus Fricke

In sich ruhend: Das großherzogliche Schloss zog in den Vorkriegsjahren schon alle Blicke auf sich. Bild: Werkstattfilm
Oldenburg - Rainer Maria Rilke war erkältet, damals im Jahr 1913. Der Schnupfen des deutschen Dichters im südspanischen Winterquartier interessierte die Oldenburger Zeitgenossen allerdings herzlich wenig. Sie hatten andere Sorgen, damals im Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Zum Beispiel, ob die Grippe des Großherzogs es zulassen würde, dass Friedrich August II. in See stechen konnte zu einer lange geplanten Mittelmeer- und Schwarzmeerreise auf der Yacht Lensahn.
Die Oldenburger im Jahr vor der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts sie bewahrten ganz offenbar ihre Ruhe und hatten genug zu tun mit den Aufgaben, die sich ihnen 1913 stellten. Diesen Schluss konnte man am Ende des jüngsten Vortrages ziehen, den der Oldenburger Landesverein für Geschichte, Natur- und Heimatkunde am Donnerstagabend im Schlosssaal ausrichtete. Udo Elerd, ehemaliger stellvertretender Direktor des Stadtmuseums, beschäftigte sich darin mit dem Thema Oldenburg 1913 das letzte Friedensjahr. Als Erkenntnisquelle nutzte Elerd die 6000 Seiten, die die Tageszeitung Nachrichten für Stadt und Land, Vorgängerin der NWZ, in jenen zwölf Monaten publiziert hatte.
"Sprengpotenzial"
Der Historiker suchte bei seiner verdienstvollen akribischen Lektüre nach Hinweisen, die den Oldenburgern den Ausbruch des Ersten Weltkriegs möglicherweise andeuteten. Doch weder in den umfangreichen Artikeln über die internationale Konfliktlage (Balkankriege) noch im regionalen Geschehen wurde Elerd fündig. Ohne Zweifel hatte sich ein Sprengpotenzial aufgetürmt, worauf hellsichtige Geister auch warnend ihre Finger richteten, aber dass es sich mit dieser uns bekannten Konsequenz entladen sollte, lag ganz offensichtlich der Mehrheit der Zeitgenossen des Jahres 1913 fern ihres Vorstellungshorizonts, folgerte Udo Elerd.
Außerdem gab es in der aufstrebenden Stadt an der Hunte genug zu tun. Die Reise des verschnupften Großherzogs hatte für die Redakteure der liberalen Nachrichten auch eine politische Komponente: Man wird aus dieser Reise eines deutschen Bundesfürsten in das jetzige Kriegsgebiet folgern dürfen, daß man in jenen Kreisen die Zuversicht hegt, daß wir friedlichen Zeiten entgegensehen, beruhigte die Oldenburger Tageszeitung ihre Leser.
Jubelfeiern des Militärs
Ebenso wichtig wie die Regentenfamilie war Oldenburg das Militär. 3500 der 30?000 Einwohner damals dienten im Heer, hinzu kamen tausende Reservisten in zwölf Kriegervereinen klar, dass die Zeitung voll war mit kleinen und großen Berichten aus dem Militär. Zumal 1913 mit zwei Jubiläen aufwartete: Das 91er Infanterieregiment (Das Oldenburgische) wurde 100 Jahre alt, genauso lange her waren die Befreiungskriege gegen Napoleon. Jubelfeiern, die mit großem Programm und unzähligen Besuchern gefeiert wurden. Oldenburg versank zeitweise in Eichenlaub- und Tannengrün-Girlanden.
Trotz allen Hurra-Patriotismus in die Berichterstattung über den Reigen von vaterländischen Festen schlichen sich auch nachdenkliche Töne: Die Zeit ist ernst, so ernst, dass es wohl angebracht ist, sich des Ernstes vergangener, schwererer Zeiten zu erinnern, heißt es am 1. März 1913 in den Nachrichten.
OB nur Rangklasse 4
Weniger Zeilen wert war den Redakteuren, was in Oldenburg abseits des großbürgerlich-liberalen Alltags stattfand. Von Sozialdemokratie und Arbeitern war in jenem letzten Friedensjahr so gut wie nichts zu lesen. Statt dessen gab es Nachhilfe in gesellschaftlichen Ständen: Auf Wunsch wurden die acht Rangklassen des Oldenburger Lebens aufgelistet, angefangen von den Angehörigen der Regentenfamilie (Rang 1) über u.a. den Präsidenten des Oberlandesgerichts (2. Rang) und u.a. Oberbürgermeister Karl Friedrich Johann Tappenbeck (4. Rang) bis hin zum Proleten.
Und es gab noch mehr neben Kriegsgedröhn, Militärfeiern und großherzoglichen Reisen zu erzählen: In Oldenburg wurde (bis 1915) schließlich ein Bahnhof gebaut, wurden Kriminalfälle gelöst und wurde die heutige Stadtentwicklung schon einmal festgeklopft: Es mache sich, schrieb die Zeitung, seit einigen Jahren unter den sogenannten kleinen Leuten das Bestreben nach einem eigenen Heim bemerkbar.
Für Elerd steht nicht nur durch solche Aussagen fest: Der positive Grundton (im Blatt) überwog. Es habe in weiten Teilen der Bevölkerung eine Friedenssehnsucht gegeben, die sich auch in den Zeitungsartikeln manifestierte. Chefredakteur Wilhelm von Busch konnte die liberale Linie des Blattes problemlos beibehalten. Das änderte sich im nächsten Jahr allerdings der gelebte Patriotismus des ersten Kriegsjahres machte auch vor den Nachrichten nicht mehr Halt. Aber 1913 habe man, so Elerds Fazit, genauso wenig wie heute in die Zukunft sehen können.
Quelle: NZW Online
09.04.2013: Zerfall des Großherzogtums war 1913 noch unvorstellbar
von Christin Horrmann

Udo Elerd
Das Thema: Oldenburger Land vor dem Krieg
Im Interview: Udo Elerd
Zur Person: Udo Elerd(65) war am Stadtmuseum Oldenburg tätig und schreibt zur oldenburgischen Stadt- und Landesgeschichte. Er spricht am Donnerstag, 11. April, im Oldenburger Schlosssaal über Oldenburg 1913 das letzte Friedensjahr. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr.
Frage: Herr Elerd, Sie haben die Ausgaben von 1913 der Oldenburger Zeitung Nachrichten für Stadt und Land analysiert. Hat sich darin abgezeichnet, dass der Zerfall des Großherzogtums Oldenburg und der Erste Weltkrieg bevorstanden?
Elerd: Dass man in unruhigen Zeiten lebte, war den Zeitgenossen bewusst. Schließlich wurde täglich von den kriegerischen Auseinandersetzungen, die sich auf dem Balkan abspielten und bis in den Spätsommer 1913 hinzogen, eingehend berichtet. Zugleich findet sich auf den über 6000 Zeitungsseiten eine bemerkenswert durchgehende Friedenssehnsucht artikuliert. Die Gefahr einer Konfrontation der europäischen Mächte wurde also durchaus gesehen, nicht aber das Sprengpotenzial in den jeweils rechten Lagern zutreffend eingeschätzt.
Frage: Welche Einstellung lässt sich bei Großherzog Friedrich August in Oldenburg erkennen? Ahnte er, dass die Fürstenherrschaft zu Ende gehen könnte?
Elerd: In seinem Auftreten orientierte sich Friedrich August sicher an dem preußischen König Wilhelm II. Die Zeitung berichtete im Übrigen zwar viel über ihn, nichts aber von ihm. Immerhin können wir getrost davon ausgehen, dass er sich 1913 genauso wenig wie seine Oldenburger Zeitgenossen vorgestellt haben dürfte, dass das Großherzogtum nur noch sechs Jahre Bestand haben sollte.
Frage: In der Vorkriegszeit boomte die Kunst. Welchen Widerhall fand das in der Zeitung?
Elerd: Nicht alle geachteten Künstler wie Rainer Maria Rilke oder Franz Kafka wurden im Feuilleton der Nachrichten erörtert. Aber es wäre verfehlt, daraus abzuleiten, dass die Interessierten nicht informiert waren über das, was sich in der Szene außerhalb Oldenburgs abspielte.
Frage: Haben die Menschen aus dieser Zeit keine Lehren gezogen?
Elerd: Wie sollten sie auch. Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht, und aus ihr zu lernen, hat seine Grenzen. Gesetzt, wir hätten in allem die richtigen Schlüsse aus dem Verhalten unserer Altvorderen gezogen, so gibt uns das keine Sicherheit für die Gegenwart und Zukunft.
Udo Elerd (65) war am Stadtmuseum Oldenburg tätig und schreibt zur oldenburgischen Stadt- und Landesgeschichte. Er spricht am Donnerstag, 11. April, im Oldenburger Schlosssaal über Oldenburg 1913 das letzte Friedensjahr. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr.
Quelle: NWZ online